Stranded Assets in der Immobilienwirtschaft: Risiken erkennen und vermeiden
Stranded Assets bedrohen den Wert energieineffizienter Immobilien. Was Eigentümer und Investoren über Stranding-Risiken wissen müssen und wie Sanierung schützt.

Milliarden Euro an Immobilienwerten stehen auf dem Spiel. Rund 98 Prozent der gewerblichen Bestandsimmobilien in Europa verfehlen nach aktuellem Stand die EU-Anforderungen für eine klimaneutrale Nutzung. In den deutschen Top-7-Städten sind bis zu 69 Prozent der Büroflächen von Obsoleszenz bedroht. Der Begriff, der diese Entwicklung zusammenfasst, hat sich in der Branche etabliert: Stranded Assets. Dieser Beitrag erklärt, was Stranded Assets im Immobilienkontext bedeuten, welche Treiber das Risiko beschleunigen, wie Sie gefährdete Gebäude erkennen und welche Strategien Eigentümer, Asset Manager und Investoren heute ergreifen sollten.
Was sind Stranded Assets?
Der Begriff Stranded Asset (deutsch: gestrandeter Vermögenswert) stammt ursprünglich aus der Energiewirtschaft. Er beschrieb dort fossile Reserven, die aufgrund der Energiewende nicht mehr wirtschaftlich erschlossen werden können. In der Immobilienwirtschaft hat sich der Begriff seit etwa 2018 verbreitet und beschreibt Gebäude, die durch veränderte Rahmenbedingungen ihre Ertragskraft, Marktfähigkeit oder Finanzierbarkeit verlieren -- und damit vorzeitig und außerplanmäßig an Wert einbüßen.
Konkret wird eine Immobilie dann zum Stranded Asset, wenn:
- die Betriebskosten (insbesondere durch CO2-Abgaben und steigende Energiepreise) den erzielbaren Ertrag übersteigen,
- das Gebäude aufgrund regulatorischer Vorgaben nicht mehr vermietet oder verkauft werden darf oder kann,
- Banken die Finanzierung verweigern, weil das Objekt die Anforderungen der EU-Taxonomie nicht erfüllt,
- Mieter das Gebäude wegen schlechter Energieeffizienz, mangelndem Komfort oder fehlender ESG-Konformität nicht mehr nachfragen, oder
- physische Klimarisiken (Überschwemmung, Hitze) den Betrieb dauerhaft beeinträchtigen oder die Versicherbarkeit gefährden.
Der entscheidende Unterschied zu normalem Wertverlust durch Alterung: Stranding tritt abrupt und strukturell ein -- nicht durch allmählichen Verschleiß, sondern durch eine fundamentale Verschiebung der Marktbedingungen, regulatorischen Anforderungen oder technologischen Standards.
Die fünf Treiber des Stranding-Risikos
Das Stranding-Risiko entsteht nicht aus einem einzelnen Faktor, sondern aus dem Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken.
1. Regulatorischer Druck
Die novellierte EU-Gebäuderichtlinie (EPBD 2024) verpflichtet die Mitgliedstaaten, den durchschnittlichen Primärenergieverbrauch des Wohngebäudebestands bis 2030 um mindestens 16 % und bis 2035 um 20--22 % gegenüber 2020 zu senken. Für Nichtwohngebäude gelten bereits ab 2030 Mindestanforderungen an die Energieeffizienz (MEPS -- Minimum Energy Performance Standards). Die EU-Richtlinie wird in Deutschland voraussichtlich bis Mitte 2026 in nationales Recht umgesetzt.
Parallel steigt der CO2-Preis: 2026 gilt ein Korridor von 55--65 EUR pro Tonne, 2027 bleibt dieser Korridor bestehen. Ab 2028 übernimmt das europäische Emissionshandelssystem ETS 2 die CO2-Bepreisung für Gebäude und Verkehr -- dann bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Prognosen liegen bei 100--200 EUR pro Tonne bis 2030; einzelne Modelle rechnen mit bis zu 380 EUR. Mehr dazu in unserem Beitrag zur CO2-Steuer 2026.
2. Finanzmarktdruck
Die EU-Taxonomie definiert, welche Immobilieninvestments als nachhaltig gelten dürfen. Gebäude, die die Top-15-%-Schwelle der nationalen Energieeffizienz nicht erreichen, qualifizieren sich nicht als taxonomiekonform. Das hat direkte Folgen:
- Banken vergeben grüne Baufinanzierungen mit besseren Konditionen nur noch für konforme Objekte.
- Der Beleihungswert energetisch schlechter Gebäude wird zunehmend abgesenkt, was höhere Eigenkapitalanforderungen nach sich zieht.
- Die BaFin und die Deutsche Bundesbank überwachen Klimarisiken in Immobilienportfolios und erwarten von Kreditinstituten entsprechende Risikovorsorge.
Für Investoren bedeutet das: Unsanierte Gebäude werden nicht nur weniger wert -- sie werden auch schwieriger zu finanzieren. Details dazu im Beitrag EU-Taxonomie und Immobilienkredit.
3. Marktverschiebung und Brown Discount
Die Preisschere zwischen energieeffizienten und ineffizienten Gebäuden öffnet sich rapide. Aktuelle Marktdaten zeigen Preisabschläge von 20--51 % für Gebäude schlechter Energieeffizienzklassen -- je nach Lage und Gebäudetyp. Dieser Effekt wird als Brown Discount bezeichnet und hat sich zwischen 2021 und 2025 spürbar verstärkt.
Gleichzeitig steigt die Flächennachfrage nach ESG-konformen Gebäuden: Großmieter wie Konzerne und öffentliche Hand setzen zunehmend auf Green-Lease-Klauseln und fordern Nachweise zur Energieeffizienz. Gebäude ohne diese Nachweise verlieren im Wettbewerb um Mieter. Ausführlich analysiert im Beitrag Brown Discount Immobilien.
4. Physische Klimarisiken
Neben den sogenannten transitorischen Risiken (Regulierung, Markt, Technologie) wächst auch die Bedeutung physischer Klimarisiken:
- Hochwasser und Starkregen: Die Schadenssummen durch Überschwemmungen haben sich in Deutschland in den letzten zehn Jahren vervielfacht. Versicherer passen ihre Prämien an oder ziehen sich aus besonders gefährdeten Lagen zurück.
- Hitzebelastung: Innerstädtische Gebäude ohne ausreichende Wärmedämmung und Verschattung werden in Hitzesommern zunehmend unzumutbar. Nachrüstungen von Klimaanlagen treiben den Energieverbrauch.
- Veränderte Versicherbarkeit: Wenn ein Objekt nicht mehr zu vertretbaren Kosten versicherbar ist, fällt es für institutionelle Investoren und Kreditgeber als Anlage aus.
5. Gesellschaftliche Erwartungshaltung
Mieter, Investoren und die Öffentlichkeit erwarten zunehmend klimaverträgliche Gebäude. GRESB-Ratings, CSRD-Berichte und öffentliche Nachhaltigkeitsberichterstattung erhöhen die Transparenz. Gebäude mit schlechter Energiebilanz werden zum Reputationsrisiko -- nicht nur finanziell, sondern auch in Bezug auf Talent Acquisition und Mieterzufriedenheit.
Wann wird eine Immobilie zum Stranded Asset?
Nicht jede ältere Immobilie ist automatisch ein Stranded Asset. Aber es gibt klare Warnsignale, die auf ein hohes Stranding-Risiko hindeuten:
| Indikator | Warnstufe | Erläuterung |
|---|---|---|
| Energieeffizienzklasse G oder H | Hoch | Gebäude zählen zu den energetisch schlechtesten 15 %; regulatorische Sanierungspflicht absehbar |
| CO2-Intensität > 40 kgCO2e/m2a | Hoch | Emissionswerte liegen weit über dem CRREM-1,5-Grad-Pfad; Stranding Point oft bereits überschritten |
| Heizung mit Öl oder Gas (vor 2000) | Hoch | Hohe CO2-Kosten, Umrüstpflicht nach GEG bei Eigentümerwechsel, absehbares Betriebsverbot |
| Keine Dämmung der Gebäudehülle | Mittel--Hoch | Energieverbrauch > 200 kWh/m2a; wirtschaftliche Sanierung wird mit jedem Jahr teurer |
| Leerstand steigend / Mieter fordern ESG-Nachweise | Mittel | Marktsignal für sinkende Wettbewerbsfähigkeit des Gebäudes |
| Bank fordert erhöhtes Eigenkapital oder senkt Beleihungswert | Mittel--Hoch | Direktes Signal, dass die Finanzierung das Risiko bereits einpreist |
| Keine Solaranlage trotz geeigneter Dachfläche | Niedrig--Mittel | Verpasste Chance auf Eigenstromerzeugung und CO2-Reduktion; zunehmend von Mietern erwartet |
Je mehr dieser Indikatoren gleichzeitig zutreffen, desto dringender besteht Handlungsbedarf.
Stranding-Risiko nach Gebäudetyp und Baujahr
Das Stranding-Risiko verteilt sich nicht gleichmäßig. Baujahr, Nutzungsart und bisherige Sanierungshistorie bestimmen, wie groß die Lücke zum geforderten Klimapfad ist:
| Gebäudetyp | Baujahr | Typischer Energieverbrauch (kWh/m2a) | Stranding-Risiko | Anmerkung |
|---|---|---|---|---|
| Bürogebäude | vor 1980 | 200--350 | Sehr hoch | Oft große Fensterflächen ohne zeitgemäßen Wärmeschutz, zentrale Lüftung mit hohem Stromverbrauch |
| Bürogebäude | 1980--2000 | 140--220 | Hoch | Energetisch besser, aber meist ohne Dämmung nach heutigen Standards; häufig fossile Heizung |
| Bürogebäude | 2000--2015 | 90--150 | Mittel | Teilweise EnEV-konform, aber CO2-Pfad trotzdem verfehlt bei fossiler Heizung |
| Wohngebäude MFH | vor 1979 | 180--300 | Hoch | Betrifft rund 65 % des deutschen Wohngebäudebestands; geringe Dämmstandards |
| Wohngebäude MFH | 1979--2001 | 120--200 | Mittel--Hoch | Erste Wärmeschutzverordnung beachtet, aber oft nicht nachgerüstet |
| Einzelhandel | vor 1990 | 200--400 | Sehr hoch | Große beheizte Verkaufsflächen, hoher Beleuchtungsverbrauch |
| Logistik / Halle | vor 2000 | 80--180 | Mittel | Geringerer Wärmebedarf, aber Beleuchtung und Kühlung relevant |
| Hotel | vor 1995 | 200--350 | Hoch | 24/7-Betrieb, hoher Warmwasserverbrauch; ESG-Standards zunehmend mietvertraglich gefordert |
Hinweis: Die Angaben sind Orientierungswerte auf Basis von dena-Gebäudetypologie und CRREM-Benchmark-Daten. Der tatsächliche Verbrauch kann je nach Sanierungsstand, Standort und Nutzung abweichen.
Mehr als 70 % der Gebäude in Deutschland sind über 30 Jahre alt und wurden vor Inkrafttreten moderner Energieeffizienzstandards errichtet. Das strukturelle Risiko betrifft also nicht Einzelfälle, sondern den Großteil des Gebäudebestands.
Rechenbeispiel: Wertverlust eines unsanierten Bürogebäudes
Um das finanzielle Ausmaß greifbar zu machen, betrachten wir ein konkretes Szenario:
Ausgangssituation:
- Bürogebäude in einer deutschen Großstadt, Baujahr 1985
- Nutzfläche: 5.000 m2
- Aktueller Marktwert (2026): 12.500.000 EUR (2.500 EUR/m2)
- Energieverbrauch: 220 kWh/m2a (Erdgas)
- Energieeffizienzklasse: F
- CO2-Emissionen: ca. 44 kgCO2e/m2a
Kostenentwicklung ohne Sanierung:
| Position | 2026 | 2028 (ETS 2) | 2030 (Prognose) |
|---|---|---|---|
| CO2-Preis pro Tonne | 55--65 EUR | 80--120 EUR | 120--200 EUR |
| CO2-Kosten gesamt/Jahr | 12.100--14.300 EUR | 17.600--26.400 EUR | 26.400--44.000 EUR |
| Energiekosten gesamt/Jahr (Gas, 10 ct/kWh) | 110.000 EUR | 120.000 EUR | 130.000 EUR |
| Summe Energiekosten + CO2 | 122.100--124.300 EUR | 137.600--146.400 EUR | 156.400--174.000 EUR |
Annahmen: Gasverbrauch 1.100.000 kWh/a, Emissionsfaktor Erdgas 0,201 kgCO2/kWh, Gaspreise moderat steigend. CO2-Kosten nach CO2KostAufG anteilig auf Vermieter umgelegt (bei Klasse F ca. 50 %).
Wertverlustrechnung:
| Faktor | Geschätzter Effekt auf Marktwert |
|---|---|
| Brown Discount (Klasse F vs. Klasse A, Großstadt) | -20 bis -27 % |
| Reduzierter Beleihungswert (Bankenbewertung) | -10 bis -15 % zusätzlich |
| Steigende Betriebskosten (kapitalisiert) | -5 bis -8 % |
| Mieterflucht / Leerstandsrisiko | -5 bis -10 % |
| Kumulierter Wertverlust (konservativ) | -25 bis -40 % |
| Resultierende Wertspanne | 7.500.000--9.375.000 EUR |
Das bedeutet: Ein Wertverlust von 3.125.000 bis 5.000.000 EUR ist realistisch, wenn keine Sanierung erfolgt. Dem stehen typische Sanierungskosten von 500--1.200 EUR/m2 gegenüber -- also 2.500.000 bis 6.000.000 EUR für eine umfassende energetische Modernisierung. Bei Nutzung von KfW-Fördermitteln und Berücksichtigung der Wertstabilisierung ist die Sanierung in den meisten Fällen wirtschaftlich vorteilhaft.
Fazit des Rechenbeispiels: Die Kosten der Nicht-Sanierung übersteigen in vielen Szenarien die Kosten der Sanierung -- insbesondere wenn man Mieteinnahmen, Finanzierbarkeit und Wiederverkaufswert einbezieht.
Wie Investoren und Eigentümer Stranded Assets vermeiden
Die folgenden sechs Strategien helfen, das Stranding-Risiko systematisch zu reduzieren.
1. Energiedaten erfassen und Transparenz schaffen
Ohne belastbare Daten ist keine Risikoeinschätzung möglich. Der erste Schritt ist die vollständige Erfassung des energetischen Zustands aller Gebäude im Portfolio:
- Energieverbrauch (kWh/m2a) nach Energieträgern
- CO2-Emissionen (kgCO2e/m2a)
- Energieeffizienzklasse laut Energieausweis
- Baujahr, Dämmstandard, Heizungstyp
Viele Portfolios scheitern bereits an diesem Punkt, weil die Daten über verschiedene Hausverwaltungen, Versorger und Abrechnungen verstreut sind. Eine zentrale, digitale Datenbasis ist die Grundvoraussetzung für alle weiteren Schritte.
2. Stranding-Risiko quantifizieren
Auf Basis der Energiedaten lässt sich das Stranding-Risiko pro Gebäude bewerten. Der CRREM-Pfad liefert den wissenschaftlichen Maßstab: Er zeigt, in welchem Jahr ein Gebäude den zulässigen Emissionspfad überschreitet (Misalignment Year). Gebäude, die den Pfad bereits überschritten haben, befinden sich im Stranding. Mehr zum CRREM-Pfad im Beitrag CRREM-Pfad für Immobilienportfolios.
3. Sanierungsfahrplan erstellen und priorisieren
Nicht jedes Gebäude muss sofort saniert werden. Eine wirtschaftlich sinnvolle Strategie priorisiert nach:
- Größe des CO2-Reduktionspotenzials (Gebäude mit dem höchsten Emissionsüberhang zuerst)
- Kosten-Nutzen-Verhältnis (welche Maßnahme bringt die größte Einsparung pro investiertem Euro?)
- Regulatorischer Dringlichkeit (Fristen der EPBD, kommunale Wärmeplanung)
- Mietvertragslaufzeiten (Sanierung idealerweise bei Mieterwechsel oder Leerstand)
Ein individueller Sanierungsfahrplan (iSFP) schafft Klarheit über die optimale Reihenfolge der Maßnahmen.
4. Energieträger wechseln
Der schnellste Hebel zur CO2-Reduktion ist der Wechsel des Energieträgers: von Öl oder Gas auf Wärmepumpe, Fernwärme oder Biomasse. Allein durch den Energieträgerwechsel kann die CO2-Intensität eines Gebäudes um 40--80 % sinken -- oft ohne umfassende Gebäudehüllensanierung.
5. Gebäudehülle verbessern
Langfristig führt kein Weg an der energetischen Ertüchtigung der Gebäudehülle vorbei: Fassadendämmung, Dachsanierung, Fenstertausch. Diese Maßnahmen senken den Energiebedarf dauerhaft und reduzieren die Abhängigkeit von schwankenden Energiepreisen. Der Energiebedarf sollte zuerst gesenkt werden, bevor Energieerzeuger ausgetauscht werden -- so wird der neue Wärmeerzeuger optimal dimensioniert.
6. Monitoring und Erfolgskontrolle etablieren
Einmalige Sanierung reicht nicht. Der Energieverbrauch muss kontinuierlich überwacht werden, um Abweichungen frühzeitig zu erkennen, den Sanierungserfolg zu belegen und die CRREM-Konformität nachzuweisen. Digitales Energiemonitoring macht den Fortschritt für Investoren, Banken und Berichtspflichten transparent.
Die Rolle von CRREM und ESG-Frameworks
Der Carbon Risk Real Estate Monitor (CRREM) hat sich als De-facto-Standard für die Bewertung von Stranding-Risiken in der Immobilienwirtschaft etabliert. CRREM wurde im Rahmen des EU Horizon-2020-Programms entwickelt und liefert wissenschaftsbasierte Dekarbonisierungspfade für über 40 Länder und alle gängigen Gebäudetypen.
Zentrale Funktion: CRREM berechnet das sogenannte Misalignment Year (ehemals Stranding Year) -- den Zeitpunkt, ab dem die Emissionsintensität eines Gebäudes den zulässigen Zielpfad überschreitet. Für Deutschland zeigt die CRREM-Analyse: Die große Mehrheit der Bestandsgebäude liegt bereits über dem 1,5-Grad-konformen Pfad. Rund 98 % der gewerblichen Bestandsimmobilien verfehlen die Klimaziele bei unverändertem Betrieb.
CRREM ist dabei kein isoliertes Instrument, sondern fügt sich in ein Ökosystem aus ESG-Frameworks ein:
- GRESB hat die CRREM-Pfade in sein Real Estate Assessment integriert. Teilnehmer können ihre Daten direkt in das CRREM-Tool übertragen.
- Die EU-Taxonomie nutzt vergleichbare Kennzahlen, um zu bewerten, ob eine Immobilie einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leistet.
- Die CSRD-Berichtspflicht erfordert die Offenlegung von Klimarisiken -- CRREM liefert die methodische Grundlage.
- Die Science Based Targets initiative (SBTi) hat ihre Pfade mit CRREM abgestimmt.
Für Investoren und Asset Manager ist die regelmäßige CRREM-Analyse inzwischen keine Kür mehr, sondern Voraussetzung für informierte Portfolioentscheidungen und Zugang zu nachhaltigem Kapital.
Regulatorischer Ausblick: Was kommt noch?
Die regulatorische Entwicklung zeigt in eine klare Richtung -- und es ist nicht zu erwarten, dass der Druck nachlässt:
2026: Nationale Umsetzung der EPBD in deutsches Recht. Der CO2-Preis steigt auf 55--65 EUR/Tonne. Die kommunale Wärmeplanung wird für Gemeinden über 100.000 Einwohner verpflichtend -- mit direkten Auswirkungen auf die Heizungswahl.
2027--2028: Einführung des europäischen Emissionshandels ETS 2 für Gebäude und Verkehr (voraussichtlich 2028 nach Verschiebung). Der CO2-Preis wird dann marktbasiert bestimmt und dürfte deutlich über dem heutigen Niveau liegen.
2030: Die EPBD fordert, dass die 16 % energetisch schlechtesten Nichtwohngebäude saniert sind. Deutschland muss den durchschnittlichen Primärenergieverbrauch des Wohngebäudebestands um mindestens 16 % gegenüber 2020 gesenkt haben.
2033: Die EPBD verlangt die Sanierung der 26 % energetisch schlechtesten Nichtwohngebäude. Für Wohngebäude gelten ambitionierte Reduktionsziele im Rahmen der nationalen Renovierungspläne.
2035 und darüber hinaus: Die Primärenergiereduktion im Wohngebäudebestand muss 20--22 % erreichen. Die EU-Klimaziele (Klimaneutralität bis 2050) erfordern eine weitere Verschärfung. Die BaFin wird voraussichtlich Klimastresstests für Immobilienfinanzierungen standardisieren.
Fazit: Wer heute nicht handelt, wird in wenigen Jahren nicht nur mit höheren Sanierungskosten konfrontiert sein, sondern möglicherweise auch mit Gebäuden, die regulatorisch nicht mehr vermietbar, finanziell nicht mehr tragbar und am Markt nicht mehr verkäuflich sind.
Häufige Fragen zu Stranded Assets
Was genau sind Stranded Assets bei Immobilien?
Stranded Assets sind Gebäude, die aufgrund veränderter regulatorischer, marktbezogener oder technologischer Rahmenbedingungen vorzeitig und außerplanmäßig an Wert verlieren. Im Unterschied zu normalem Verschleiß entsteht das Stranding durch externe Faktoren wie steigende CO2-Preise, verschärfte Energieeffizienzanforderungen, veränderte Bankenpolitik oder sinkende Mieternachfrage. Ein Gebäude wird zum Stranded Asset, wenn es nicht mehr wirtschaftlich betrieben, vermietet, verkauft oder finanziert werden kann.
Wie viele Immobilien in Deutschland sind vom Stranding betroffen?
Nach CRREM-Analysen verfehlen rund 98 % der gewerblichen Bestandsimmobilien in Europa den 1,5-Grad-konformen Klimapfad bei unverändertem Betrieb. In den deutschen Top-7-Städten sind laut Colliers bis zu 69 % der Büroflächen von Obsoleszenz bedroht. Über 70 % des deutschen Gebäudebestands ist älter als 30 Jahre und wurde vor modernen Energieeffizienzstandards errichtet. Das Problem betrifft also nicht einzelne Ausreißer, sondern den strukturellen Kern des Marktes.
Kann ich als Privatperson von Stranded Assets betroffen sein?
Ja. Auch ein selbstgenutztes Einfamilienhaus kann zum Stranded Asset werden, wenn es beispielsweise Energieeffizienzklasse G oder H aufweist, mit einer alten Öl- oder Gasheizung betrieben wird und keine Dämmung besitzt. Der Brown Discount zeigt sich bereits heute bei Verkaufspreisen: Häuser schlechter Effizienzklassen erzielen im ländlichen Raum bis zu 51 % weniger als vergleichbare effiziente Objekte. Zudem steigen die CO2-Kosten und können die monatlichen Heizkosten erheblich verteuern.
Schützt eine energetische Sanierung sicher vor dem Stranding?
Eine Sanierung ist der wirksamste Schutz, bietet aber keine absolute Garantie. Entscheidend ist, dass die Sanierung ausreichend ambitioniert durchgeführt wird. Ein einfacher Fenstertausch reicht nicht, wenn das Gebäude danach immer noch Energieeffizienzklasse E aufweist. Die Sanierung sollte sich an den CRREM-Zielwerten orientieren und idealerweise mindestens Energieeffizienzklasse C oder besser erreichen. Wer in mehreren Schritten saniert, sollte einen Sanierungsfahrplan erstellen, der die langfristige Zielerreichung sicherstellt.
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